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18.07.2016

Nachruf Unvergesslich: Die Grand Dame in der Manege

Am 10. Juli 2016 ist die SPD-Politikerin und frühere Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, Dr. Katharina Focke, im Alter von 93 Jahren verstorben. Die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) trauert um eine überzeugte Europäerin und Kämpferin für die Frauenrechte. Hierzu erklärt die frühere ASF-Bundesvorsitzende Karin Junker:

"Mit Katharina Focke verstarb eine leidenschaftliche Kämpferin für Europa und soziale Gerechtigkeit", twitterte Martin Schulz anlässlich ihres Todes am 10. Juli 2016. "Die Dame ist fürs Feuer", titelte die Autorin Nina Grunenberg in Zeit online anlässlich ihrer Nominierung als SPD-Spitzenkandidatin für die bevorstehende Europawahl schon 1983. Wie wahr, sie brannte für Europa!

Die Intellektuelle Katharina Focke, die sich gelegentlich selbstironisch als "höhere Tochter" bezeichnete, entsprach in keiner Weise dem Klischee der Sozialdemokratin aus kleinen Verhältnissen. Sie lebte, 1922 in Bonn als älteste Tochter des Publizisten Ernst Friedländer und der Ärztin Dr. Franziska Friedländer geboren, 1929 bis 1946 mit der Familie in den USA ,in der Schweiz und in Liechtenstein, bevor sie 1946 nach Hamburg ging, wo sie zeitweise ihrem Vater assistierte, der sich dort die Chefredaktion der Wochenzeitung "Die Zeit" mit Richard Tüngel teilte und später Präsident der Europa Union wurde. Er widmete sein publizistisches Werk der Versöhnung zwischen den Völkern und der europäischen Einigung. Nach einem Studienjahr in Oklahoma nahm Katharina ein Studium der Politischen Wissenschaften auf, das sie 1954 mit der Dissertation "Über das Wesen des Übernationalen" abschloss. Damit war ihr Lebensthema Europa vorgezeichnet .

Im gleichen Jahr heiratete sie den Generalsekretär des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung Dr. jur. Ernst Günter Focke und wurde Hausfrau. Hausfrau? Sie übersetzte literarische Werke (u.a. von Anthony Powell) aus dem Englischen, bis sie 1961 nach dem Tod ihres Mannes Geschäftsführerin des Bildungswerks für Europäische Politik in Köln wurde und sich in diversen nationalen und internationalen Organisationen wie der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik engagierte. Der Europapolitik wegen schloss sie sich 1964 der SPD an und machte eine Blitzkarriere im Landtag Nordrhein-Westfalen (1966) und im Deutschen Bundestag (ab 1969 ), wo sie in einem bis dahin als aussichtslos geltenden Wahlkreis von Köln dreimal das Direktmandat errang, sowie als Staatssekretärin für europäische Fragen im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt (1969 bis 1972) und als Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit (bis 1976). Es war die Zeit der Jahrhundertreformen im Ehe- und Familienrecht. SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel hat sie zu Recht eine "moderne Sozialdemokratin" genannt.

Katharina Fockes Erscheinung entsprach eher der Grand Dame als dem gängigen Klischee einer Feministin, aber sie war eine überzeugte Kämpferin für die Rechte der Frauen, und zwar weltweit. In der verbleibenden Zeit im Deutschen Bundestag wandte sie sich immer mehr der Entwicklungspolitik zu - eine wunderbare Vorbereitung für ein neues europapolitisches Feld, das sich für sie 1979 mit der

ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament auftat. Sie, die bekannt war für (erfolgreiche!) unorthodoxe Wahlkämpfe, legte sich auch 1984 als SPD-Spitzenkandidatin mit ungewöhnlichen Aktionen ins Zeug. Die Rolle der Direktorin in "Katharinas Zirkus" war ihr auf den Leib geschrieben. Mit ihrem Bekenntnis zu einem einigen Europa in der Manege unter der Kuppel eines altbekannten Zirkusunternehmens flogen ihr die Herzen zu.

Mit einem gewaltigen "Frauenmobil" und einer weiblichen Crew tourte sie ferner durch das Land, mit dabei die Liedermacherin Monika Kampmann, und genoss die allgemeine Aufmerksamkeit auf großen Plätzen und in Fußgängerzonen, immer endend mit dem tosenden Schlussapplaus nach dem Europalied mit einem eingängigen Text von Barbara von Sell .

Ich, damals selbst Kandidatin für das Europäische Parlament, war übrigens auch dabei, als gelernte Journalistin in der Rolle der Pressereferentin. 1984 reichte es für mich noch nicht, und 1989, als mir der Einzug in das Europäische Parlament gelang, schied Katharina Focke aus Altersgründen aus. Aber wir sind noch lange darüber hinaus ein Team geblieben in dem gemeinsamen Bestreben, dass die Bekämpfung von Armut und Rechtlosigkeit eine humanitäre und solidarische Verpflichtung der Entwicklungszusammenarbeit ist. Mit mehr Vorbildern ihrer Prinzipientreue, Menschlichkeit und vor allem Glaubwürdigkeit stünde das Europa von heute besser da , und ausgefallenere Wahlkämpfe könnten uns die Menschen vielleicht wieder näher bringen. Wie das geht, hat Katharina Focke uns gezeigt. Es sind ziemlich große Schuhe, die sie uns da hinterlassen hat.