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Angriffe auf Gender Studies in Europa

Angriffe auf Gender Studies in Europa

Während in der letzten Woche in Berlin unter dem Titel "(Un)gleich besser?! - Die Dimension Geschlecht in der aktuellen Ungleichheitsdebatte" die 4. Gender Studies Tagung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und der Friedrich-Ebert-Stiftung lief, müssen wir uns in Europa teilweise Sorgen um die Gender Studies machen. Während wir beispielsweise in Polen in den letzten Jahren vor allem die mangelnde finanzielle Ausstattung des Studiengangs sehen mussten, ist es hauptsächlich die ungarische Regierung, die dem Studiengang einen institutionellen Kampf angesagt hat.

Angriff auf die Gender Studies in Ungarn
In Ungarn sehen wir bereits seit Jahren, wie sich der Widerstand gegen Gleichstellungspolitiken formiert. Das zugrundeliegende Konzept gender wird von vielen als eine aus dem Westen importierte Bedrohung traditioneller Lebensweisen gesehen und dementsprechend verteufelt. Waren Gleichstellungspolitiken in der letzten Zeit immer mehr zu Familien- und Mütterpolitiken verengt worden, so steht nun auch ganz konkret das Fach Gender Studies unter Beschuss. Gelehrt wird es an zwei Universitäten in Ungarn, der Eötvös Loránd Universität (ELTE) und der Central European University (CEU).

Im August erfuhr die Öffentlichkeit dann, dass die Regierung plane, den beiden Universitäten für dieses Fach die Akkreditierung zu entziehen. Es folgte Widerstand von Aktivist_innen, Professor_innen und Bürger_innen aus dem In- und Ausland. Dabei ging es vor allem darum, sich gegen jede politische Einmischung in die akademische Freiheit und gegen jedwede Einschränkung der akademischen Forschung und Lehre auszusprechen. Aber natürlich auch um die Verteidigung der Studienrichtung als international anerkanntes Fach, welches akademisch und gesellschaftlich relevantes Wissen hervorbringt.

Die Regierungssitzung, auf der der Entzug der Akkreditierung dann beschlossen werden sollte, ging jedoch ohne Beschluss zu Ende. Die Gefahr für die Gender Studies scheint aber alles andere als gebannt - es ist davon auszugehen, dass die Entscheidung lediglich vertagt wurde.

Die Situation in Bulgarien
Gender Studies die Akkreditierung zu entziehen ist der letzte und ultimative Schritt. Um dem Studiengang seine Glaubwürdigkeit zu entziehen, reichen aber auch kleinere Schritte. Deshalb beunruhigen uns Nachrichten, die wir aus Bulgarien erhalten haben. Es scheint als würden dort verschiedene Wissenschaftler_innen von der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften (BAS) an der Weiterarbeit an einem Projekt mit dem Titel "Forum für geschlechtergerechte Modelle in der Schule: der bulgarische Fall" gehindert. Ziel war die Erforschung der Kompetenzen und der Motivation der Lehrer_innen, den Schüler_innen den Grundsatz von Gleichstellung der Geschlechter beizubringen.
Und das, obwohl das Projekt in der ersten Phase des UNESCO-Beteiligungsprogramms 2018-2019 nominiert wurde.

Die Wissenschaftler_innen geben an, auf Grund ihres Projektvorschlages als Autor_innen Ziel einer negativen Medienkampagne geworden zu sein. Darin wurden Ziele des Projekts falsch dargestellt, das Projekt beschuldigt, "Genderideologie" zu betreiben und versucht zu haben, ein "drittes Geschlecht" zu propagieren, und damit Kinder einer "Gehirnwäsche" zu unterziehen. Nach dem politischen und medialen Druck mussten die Wissenschaftler_innen ihre Arbeit unterbrechen und konnten nun nicht weiter an der Ausschreibung teilnehmen.

Gender-Studies sind kritische Studien. Sie fragen nach Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern, aber auch darüber hinaus. Sie machen Ausschlüsse bestimmter Menschen und Gruppen deutlich und fordern damit bestehende Strukturen heraus. Was bisher als natürlich und dauerhaft wahrgenommen wurde, kann in Frage gestellt und auf seine negativen Auswirkungen hin überprüft werden. Dass dies so einigen am rechten Rand Angst macht, ist daher keine Überraschung. Und die Strategien der Diffamierungskampagnen sind über Grenzen hinweg dieselben.

Als Frauen und Feministinnen, aber auch einfach nur als Verteidigerinnen der Demokratie, müssen wir uns für die Gender Studies weltweit stark machen. Denn die akademische Freiheit ist grundlegend für das Funktionieren der Demokratie: Die Freiheit zu diskutieren, zu forschen und zu lehren ist ein integraler Bestandteil davon. Und die Freiheit, den status quo zu kritisieren auch.