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09.08.2017

„Misch dich nicht in meine Kleidung ein!“ Solidarität für Frauen in der Türkei Resolution der Projektgruppe „Frauen international“ beim ASF-Bundesvorstand

Seit längerer Zeit verfolgt die ASF (Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen) die Entwicklung in der Türkei mit großer Sorge. Was vor einem Jahr als Reaktion auf einen Putschversuch begann – oder so begründet wurde –, mündete in massive, nicht mehr nachvollziehbare Repressalien wie Massen­entlassungen und willkürliche Verhaftungen und führt nun auch zu einem allgemeinen Abbau von Demokratie und Menschenrechten. Presse-, Meinungs- und Versammlungs­freiheit werden beschnitten; es droht die Wiedereinführung der Todesstrafe; der Staat wird zur Einparteien- und letztlich Einmannherrschaft Erdo?ans umgebaut und verliert dabei auch seinen während des 20. Jahrhunderts betont säkularen Charakter.

Wie immer, wenn traditionalistische, patriarchal geprägte Religiosität das öffentliche Leben bestimmt, sind die Freiheiten von Frauen das erste Angriffsziel! So auch in der Türkei: Während Jahr für Jahr über 300 Frauen zumeist von Partnern oder Ange­hörigen umgebracht werden und häusliche Gewalt bitterer Alltag ist, wurde kürzlich die Verheiratung mit Minderjährigen erleichtert – in vielen Fällen zwecks Vertuschung einer Vergewaltigung. Auf der anderen Seite macht Präsident Erdogan den türkischen Frauen und Mädchen zunehmend Vorschriften, wie sie sich „anständig“ zu geben und zu kleiden hätten. Zunächst war es die Erlaubnis, auch im Staatsdienst Kopftuch zu tragen, was von einigen noch als Lockerung gegenüber früheren Verboten aufgefasst werden mochte; die Anweisung, Frauen sollten in der Öffentlichkeit „nicht lachen“, war schon gar nicht mehr „lustig“, sondern mit empfindlichen Geldstrafen bewehrt; es folgte die unmissverständliche Ansage des Präsidenten, Frauen sollten in erster Linie Ehefrau, Haushälterin und Mutter sein; immer noch müssen Frauen sich im Fall eines sexuellen Übergriffs für angeblich provozierende Kleidung rechtfertigen.

Die Kleidungsfrage ist es, die aktuell eine neue Dimension gewinnt. Seit einige Frauen von Seiten religiöser Fanatiker in aller Öffentlichkeit Beschimpfungen und körperliche Attacken aufgrund kurzer Röcke oder Hosen erfuhren, ist das Maß voll: Regelmäßig gehen jetzt in türkischen Großstädten Frauen und Mädchen auf die Straße mit der Parole: Kiyafetime karisma! = Misch dich nicht in meine Kleidung ein!

Sie kämpfen um ihr Recht, sich zu kleiden wie sie wollen; sich öffentlich zu zeigen wie sie wollen; zu leben wie sie wollen. Und dieser Protest vereint Minirock- und Kopf­tuchträgerinnen, traditionell empfindende und modern orientierte Frauen – da beide auf ihre Menschenrechte nicht verzichten wollen.

Die ASF unterstützt diesen Protest mit Nachdruck, bekundet volle Solidarität mit den türkischen Frauen und fordert alle SPD-Amts- und Mandatsträger_innen auf, sich für die Rechte und Belange von Frauen und Mädchen in der Türkei einzusetzen.

Dr. Cornelia Östreich, stellv. Bundesvorsitzende der ASF, für die Projektgruppe „Frauen international“ - 7. August 2017